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Das Gasthaus Neuhäusl
Erstmals wurde im Jahre 1786 ein kleiner Hof „das Frätschel zu Walswegen“ offiziell im Häuserverzeichnis in der Pass-Thurn-Strasse 11 erwähnt.
Als „Frätschel“ bezeichnete man damals den „Bierwirt“ und der Ausdruck „fratscheln“ meinte „handeln mit Waren aller Art“.
Bild 01 (Lageplan)
Aber erst knapp dreißig Jahre später, im Jahre 1815, wird dem Neubau, welcher gegenüber dem alten „Frätschel“ errichtet wurde, das Gewerbe übertragen und erstmals die Bezeichnung „Gasthaus Neuhäusl“ gegeben.
Damit begründete das „Neuhäusl“ seinen Stellenwert als das drittälteste Gasthaus von Oberndorf.
Bild 02 (Alte Ansicht Neuhäusl)
Das „Neuhäusl“ liegt in exponierter Lage vor den Toren von Kitzbühel, jedoch direkt am zentralen Hauptverkehrsweg und dürfte bereits im 19. Jahrhundert für Reisende ein optimaler Ort zum Rastmachen und Ausruhen gewesen sein.
Ob Pferd oder Kutscher: hier konnte jeder wieder optimal zu Kräften kommen. Neben einer „gschait´n Jaus´n“ gingen hier sicherlich auch viele Biere und Schnapserln über den Tisch. Das Bier kam damals im Übrigen vom Huberbräu aus St. Johann.
Und Ställe für die Pferde gab es wohl ebenso genug, denn das „Neuhäusl“ wurde nebenher zumeist als Bauernhof mit Kühen, Hühnern und einigen Haflingern genützt. Natürlich gab es auch für die Pferdebesitzer ein paar Zimmer, in denen sie sich ausruhen konnten.
Aber auch die Einheimischen kamen abends gerne vorbei, beziehungsweise bot an den Wochenenden das „Neuhäusl“ für die Kitzbüheler und ihre Familien ein beliebtes Ausflugsziel. So wanderte man beispielsweise am Sonntag zum Kaffee nach unten, um hier den legendären, von der Konditorei Praxmair gelieferten Kuchen aus Kitzbühel zu genießen. So erzählt es die Enkelin Anna Grander auch heute noch gerne.
Gleichfalls war das Gasthaus in jenen Tagen ein begehrter Ort für große Hochzeitgesellschaften. Es gab zwei Räume: die „Stub´n“ und die „Veranda“, die beide für mindestens 30 Personen Platz boten und darüber hinaus im ersten Stock einen großen Tanzsaal mit wunderschönen Holzboden, der zum Feiern einlud.
Nicht ganz unwesentlich waren aber auch die drei Kellergewölbe, die zum Großteil als Lager für den Wein aus Südtirol dienten. Also für jenen Wein, der ja in Fässern auf Pferdekutschen transportiert, bereits einen recht abenteuerlichen Weg hinter sich gebracht haben musste.
Bild 03 (Alte Ansicht Neuhäusl)
Simon Thaler (geb. 1864 bis 1953), der spätere „Neuhäusl“ Wirt beschreibt die Zeit vor der ersten Eisenbahnverbindung 1875 in seinen Tagebuchaufzeichnungen folgend:
„Auf der Landstraße über St. Johann, Innsbruck, Südtirol, Italien und retour herrschte ein lebhafter Verkehr.
Oft 6 und 8 Pferde waren in einen Wagen gespannt, um uns Lebensmittel zu besorgen: nämlich Wein, Branntwein, Reis, Getreide, Südfrüchte, auch Kaffee wurde dazumal eingeführt und als Tauschmittel und Gegenfuhr wurde von uns Schweizerkäse usw. entgegengenommen. Es war dazumal keine andere Fahrgelegenheit geboten als das Pferd. Auch zu Wasser am Innfluss wurden Vieh und „Kas“ nach Wien transportiert.
Alle Mühlen, Bergwerke und Werkstätten zeigten lebhafte Bewegung. Sämtliche Geräte stehen damals noch unter Meisters Handarbeit. Von landwirtschaftlichen Maschinen wusste man damals noch nichts.
Antrieb konnte damals nur das Wasserrad leisten.
Das Licht machte nur den Fortschritt vom Leinöl aufs Petroleum und in der Stadt das Gaslicht und alle nachher eingeführten Erfindungen lagen damals noch im Dunkeln zukünftiger Ereignisse.
Nun, das Volk fühlte sich mit billigen Unterhaltungen und Lustbarkeiten vergnügt und zufrieden. Daher – Du gutgelaunte Zeit, kehre zurück.“
Bild 04 (Altes Sägewerk)
Ein Teilausschnitt einer Hochzeitsgesellschaft des Jahres 1884 von Simon Thaler beschrieben:
„Es tönt die Kirchenglocke. Alle Hochzeitsgäste versammelten sich und wurden von der Musikkapelle zur Kirche begleitet. Alles im hoch geschmückten Festtagskleide angezogen. Im voraus waren die Brautleute und ihre nächsten Verwandten und dann kamen die Hochzeitsbuam mit ihren schön verzierten aufgebüschten Hochzeitshut und dann die Jungfrauen mit ihrem goldverziertem Jungfrauenkranz, goldene schöne Haarnadeln, goldene Ohr- und Fingerringe. Die Frauen tragen ein Röcklgewand, ein fein seidenes goldgestücktes Halstüchel mit goldenem Versicherungsbrosch, silberne Halskette und am Schlusse noch einen Reifkittel. Die Männer tragen von Gemshaut eine kurze irchene Hose, fein ausgenähte weiße Strümpfe, niedere Schuhe, einen Ranzen um die Mitte vom Sattlermeister künstlich ausgenäht, was auf alle Zeiten unvergesslich bleibt, ein kurzes Röckl mit großen Silberknöpfen, silbernes Essbesteck und einen hohen Hut. So war der Einzug jener Gäste in die Kirche beschaffen. (...) Hernach ging der Hochzeitszug wieder geschlossen von der Kirche zum Schneiderwirt und dann wurde getanzt. Im 1. Stock spielte die Musik für die Hochzeitsgäste und im 2. Stock spielte eine Musik für die Zuschauer, und so wurde getanzt und gesungen bis in die späte Nacht hinein.
Bild 05 (Hochzeitspaar)
Gegen 1 Uhr nachmittags gingen die Buam und Diandln und alle Anschliessenden über die Gasse und wurden mit der Musik in andere Gasthäuser begleitet. Wo Platz war, wurde getanzt und der gute Humor erleidet keine Unterbrechung. Gegen 5 Uhr abends versammelten sich alle Gäste zum Hochzeitsmahl. Diese Bedienung war mit guten Speisen reichlich versehen: nämlich Knödl, Golasch, Siedfleisch, Braten, Schnitzl, zweimal Torten, Weinküchel und ein großer Hochzeitsnudl, alles mit guter Zuspeis. Und von diesem Überfluß war der Brauch, ein Bschoadessnpacktl nach Hause zu tragen. Während der Mahlzeit herrscht ein ruhiges, anständiges Benehmen. Von den Geistlichen und ihrem Anhang wurden an das Brautpaar katholische Glückwünsche überbracht. Die beiden Jungfrauendiener besorgten die Einkassierung des Mahlgeldes, welches 3 Gulden betrug. Und dann folgte das Weisen. Dieser Brauch bestand darin, dass jeder Teilnehmer dem Brautpaare eine Geldspende überreichte und zum Schlusse zum Abschiede noch mit Glückwünschen für die Zukunft begrüßte. Nun gingen manche alten Leute nach Hause und alles andere wieder zum Tanz.“
Wirte des Gasthaus Neuhäusl seit 1900:
1900 Josef Brunnschmied
1909 – 1916 Simon Zimmerman
Simon Zimmermann alias, der „Sasnschmiedsimal“, der Sensenschmied, der einst reichste Oberndorfer, dessen Enkel gleichen Namens die Sensenschmiede 1916 übernahm.
Zuvor gehörten seinem Enkel auch zwei Mühlen, die Oberndorfer und die Wiesenschwanger Mühle und u.a. ein Sägewerk. Die Geschäfte liefen Anfang des Jahrhunderts schlecht und schlechter, aber er selbst lebte wohl sein munteres Leben weiter. Bis er eines Tages seine bisherigen Besitzungen aufgab, um sich 1909 das Gasthaus Neuhäusl zu erwerben, das er sieben Jahre später bereits an Simon Thaler weiterverkaufte. Wohl durch die Inflation nach Kriegsende hat er sein letztes Geld verloren und starb 1929 im Armenhaus in St. Johann. (Chronik s. 71)
Der „Sasnschmiedsimal“, im Übrigen auch „Da Moasta“ genannt, muss ein in der Gesellschaft äußerst beliebter, unterhaltsamer Typ und ein allseits bekannter Sänger und Reimeschmied gewesen sein, der bei keinem Fest fehlen durfte.
Mit ihm zu „hoangaschtn“ (plaudern ) war für alle eine Ehre. Stets ein Gsangl in jeder Lebenslage, das von seinem Humor und seinem Talent zeugt, die Dinge ironisch zu benennen, ohne dass sich die Betroffenen beleidigt gefühlt haben dürften.
Denn von Streitereien oder Gerichtsbarkeiten wurde nie etwas berichtet.
Die Vorstellung fällt leicht, dass seine sieben Jahre „Neuhäusl – Regiment“
sehr muntere Jahre gewesen sein mussten....
1916 - 1938 Simon Thaler:
Simon Thaler hat mit Anfang 50 das „Neuhäusl“ erworben und es gemeinsam mit seiner Frau Barbara bis ca. 1938 geführt. Als junger Mann hat Thaler mit sechs Kühen als Melker im Sommer auf der „Lämperbühel“ Alpe angefangen.
Ab 1900 kam er als Käser zur Sennereigenossenschaft Hanslmühle in Kitzbühel. Ein Bett zum Schlafen und ein Sessel zum Sitzen, so schreibt er in seinen Erinnerungen, waren sein erster Kauf. Ein Jahr darauf war es ihm möglich, in der Kitzbüheler Gänsbachgasse das Haus Nr. 8 zu kaufen, welches er zu einer erfolgreichen Molkerei aufbaute.
Bedingt durch den ersten Weltkrieg musste er das gut gehende Geschäft einstellen und erwarb daraufhin das „Neuhäusl“ für 20.000 Kronen.
Im Sommer 1922, so berichtet er in seinen Aufzeichnungen, muss ein Hagelschauer das Dach des Gasthauses vollkommen durchlöchert haben. Mit allen möglichen Brettern hat er es erstmals notdürftig zu decken versucht. Aber die Lager rund herum waren zu dieser Zeit noch leer und erst über ein Ansuchen erhielt er von der Fabrik Leukental das nötige Material. Mit Pferden hat er es, so berichtet er, innerhalb einer Woche zwölf Mal täglich überführt. Die Veranda um das ganze Haus herum, wie auch die Holzschlupfe hat er zeitgleich mit erneuert. Im Anbetracht der damals gerade akuten Inflation konnte er die letzen Schichten jedoch nur noch mit Tausch an Lebensmitteln bezahlen.
Käse zum Beispiel scheint im Übrigen nach dem 1. Weltkrieg ein wahres Gut gewesen zu sein. So liest man unter anderem in der Dorfchronik von 500 Kilogramm Käse, der auf einem mit Stroh bedecktem Pferdewagen beschlagnahmt wurde oder von 460 Kilogramm Käse, den ein Gendarm in einer Scheune fand und für den sich „niemand“ zuständig fühlte.
Mit seiner Frau Barbara, die beim legendären „Goldenen Adler“ in der Innsbrucker Altstadt gleich neben dem goldenen Dach´l Köchin gelernt hatte, führte Simon das Gasthaus wohl allen schweren Zeiten zum Trotze, dennoch erfolgreich. Barbara Thaler galt als hervorragende Köchin. Aber das allein war es sicher nicht, warum das „Neuhäusl“ sich weiterhin so großer Beliebtheit erfreute.
Denn auch Simon Thaler war ein Musik begeisterter Wirt. Immerhin war er 1882 Gründungsmitglied der ersten Musikkapelle in Oberndorf.
Von jener Musikkapelle, die dann 1922 im übrigen mit Josef Thaler, nur zehnköpfig und ohne Tracht zum Salzburger Landesmusikfest nach Saalfelden eingeladen wurde, und zu Beginn belächelt, nach ihrer Aufführung der „Cavatine“ aus Verdis Oper „Erode“ von den Wertungsrichtern immerhin den ersten Platz der Landkapellen erhielt.
Simon Thaler spielte Flügelhorn und „Zugin“ (Zieh-Harmonika) zu seinen Gstanzln, und war anscheinend ebenso wie sein Vorgänger ein besonders musischer und unterhaltsamer Wirt gewesen, der sich darüber hinaus auch noch durch sein literarisches Bemühen ausgezeichnet hat.
1938 hat das Gasthaus Tochter Barbara Grander (geb. Thaler) übernommen, und dieses die folgenden zehn Jahre geführt, danach wurde es dann an das Ehepaar Simon und Maria Soder aus St. Jakob weiter verpachtet.
Bis 1974 blieb der Name „Neuhäusl“ erhalten und erlebte bis 2008 im Besitz der Nachkommen der Familie Thaler die verschiedensten Pächter.
Eine weitere Auswahl regionaler Begebenheiten der Vergangenheit ...
Um 18 vor Christus: die erste Bergbaukultur geht bereits ihren Gang. Vor allem der Kupferabbau bringt blühenden Handel mit sich. Die Besiedlung der Täler, die landwirtschaftliche Nutzung wird begünstigt.
ca. 15 vor Christus: Die Römer erobern unter Kaiser Augustus die Gegend und gliedern sie in die Provinz Norikum ein. Sie führen u.a. Wein und Esskastanien ein und bauen ein umfassendes Straßennetz aus. Der so genannte Römerweg führt am Fuß des Kitzbühler Horns von St. Johann nach Kitzbühel, der von Italien über den Felbertauern nach Süddeutschland überregionale Bedeutung hatte.
Um 600 nach Christus: Die bajuwarische Besiedlung beginnt, worauf die Ortschaften mit der Endung Ing hinweisen. Durch ausgedehnte Waldrodungen wird der Siedlungsraum erweitert.
1097: Oberndorf wird erstmalig als Ort genannt
12. Jhdt: der Namen „Chizbuhel“ ist erstmals in einer Chiemseer Urkunde zu finden
1271: Herzog Ludwig II aus dem Geschlecht der Wittelsbacher verleiht Kitzbühel das Stadtrecht und Kitzbühel etabliert sich in den folgenden Jahrhunderten durch seine Lage als Markt- und Handelsplatz
1360: der Bau der hochgotischen Katharinenkirche im Herzen von Kitzbühel wird begonnen
1539: am Rerobichl wird das erste Silbererz gefunden und die Geschichte des Bergbaus startet hier: über 600 Schächte für den Kupfer und Silberabbau entstehen. Bis zu 1.500 Bergknappen sind beschäftigt.
17. Jhdt: der Heilig Geist Schacht ist mit über 780 Metern Tiefe der tiefste Schacht der Erde
1732: Das Barockjuwel Rerobichlkapelle wird von Jakob Singer erbaut
1749: der Oberndorfer Bartholomäus Ludwig Hechengartner, (der1708 im Alter von 6 Jahren bereits seine Bergbaukarriere am Rerobichl gestartet hat, die ihn zum höchsten Rang eine k. k. Hofkammerrates führt), erhält den Reichsadel und Ritterstand mit dem Prädikat „Edler von Hechengarten“
1774: das Ende des Bergbaus: die letzten Zechen werden außer Betrieb gesetzt
1875: Unter großem Jubel fährt der erste Personenzug von Salzburg nach Innsbruck: die Giselabahn kommt und der Fremdenverkehr kann durchstarten
1888: beim Innsbrucker Bundesschiessfest werden die ersten vier elektrischen Lampen bestaunt
ab 1890: Fremdenverkehr und Sportkleinbetriebe nehmen stetig zu („Reklame, Fremdenzimmer, Villen, Pensionen, Hotels und alles was dazu gehört...“)
1922 / 23: die Stanglalm wird als Stützpunkt für Skifahrer eröffnet und sofort zur begehrten Tour...bei schönem Wetter sollen bis zu 200 Skifahrer täglich aufgestiegen sein. Wobei die gesamte Verpflegung von Trägern nach oben gebracht wird.
1925: das erste Postauto fährt von Kufstein über St. Johann - Oberndorf – Kitzbühel - Pass Thurn nach Mittersill im benachbarten Salzburg (betrieben vom Tiroler Landesreisebüro) und zugleich wird die Währung auf Schilling umgestellt
1927: Oberndorf in Tirol wird selbständige Gemeinde (d.h. aus dem Verbande der Ortsgemeinde St. Johann ausgeschieden)
1928: der erste Personentransportwagen fährt mit der Seilbahn von der Talstation zur Bergstation am Hahnenkamm (1939 / 40 von Dez. bis Mai werden bereits 150.000 Fahrgäste befördert)
1932: auf private Eigeninitiative rühriger Oberndorfer wird das erste Schwimmbad gebaut
1936: der Verkehrsverein wird gegründet, die ersten Werbeprospekte zur Werbung für den Fremdenverkehr entstehen.
1945: die erste Ordination in Oberndorf wird eröffnet (ein aus Pressburg geflüchteter Arzt bleibt in Oberndorf)
1958: stirbt der in Oberndorf geborene Maler, Verleger und Architekt Alfons Walde in Kitzbühel
1964: Herbert von Karajan heiratet Eliette Mouret in der Bergkapelle am Rerobichel
Dank der Dorfchronik von Oberndorf in Tirol – von Franz Burger
Den Tagebuchaufzeichnungen von Simon Thaler 1864 -1944
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